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KANDIDATEN DER UNSTERBLICHKEIT
Spejbl und Hurvinek, die populärsten Figuren des tschechischen Marionettentheaters,
können wohl mit Recht in die Galerie der weltbekannten komischen Typen
eingereiht, dem englischen Punch, dem österreichischen Kasperl, dem Gui-gnol
der Franzosen, dem Hanswurst der Deutschen, dem Petruschka der Russen,
dem türkischen Karagöse sowie dem Pukinell der Italiener an die Seite
gestellt werden. Nach fast fünfzig Jahren Existenz, während der sie überall
die Aufmerksamkeit von groß und klein auf sich lenkten, steht den beiden
in gleichem Maße wie ihren ausländischen Kollegen die Anwartschaft auf
die Unsterblichkeit zweifellos offen. Sie besitzen ja alle Voraussetzungen
dafür, und darüber hinaus machen sie — im Gegensatz zu den obigen komischen
Gestalten - durch ihre Doppelexistenz die anschauliche Gegenüberstellung
der kontrastierenden menschlichen Seiten möglich. So verkörpern sie das
Komplizierte und das Widersprechende in dem Einzelnen wie in der ganzen
Menschheit, das uralte Ringen zwischen Draufgängertum und Rückschrittlichkeit,
Gescheitheit und Begriffsstutzigkeit, zwischen Mut und hausbackenem Wesen,
Wißbegierde und Teilnahmslosigkeit, zwischen der Jugend und dem Alter.
Dabei macht es gar nichts aus, daß diese Gegenüberstellung nur in dem
winzigen Raum einer Marionettenszene vor sich geht, Spejbl und Hurvinek
übrigens haben schon längst die Grenzen dieses Mikrokosmos überschritten,
haben sich zur Filmleinwand emporgeschwungen, sie erscheinen auf dem Bildschirm
des Fernsehens und sprechen auf den Seiten der Bücher zu uns; ihre Stimmen
vernimmt man aus dem Rundfunkgerät, vom Tonband wie von der Schallplatte.
Unsere beiden Helden haben im Laufe ihres Daseins eine recht intensive
Entwicklung durchgemacht. In so manchem haben sie sich verändert, und
auch in ihren gegenseitigen Beziehungen ist ein Wandel eingetreten. Aber
im Wesen bleiben Spejbl und Hurvinek stets gleich. Sie erwecken Lachen
oder Rührung. Ihr groteskes Gebaren ist etwas Vereinzeltes, ein wenig
Unwirkliches, und doch ganz und gar von Realität Erfülltes. Sie besitzen
klassische und doch mo-
derne Prägung. Mit ihren altertümlichen Holzpantoffeln -die für sie eine
dadaistische Laune ihrer Schöpfer bestimmt hat — wurzeln sie tief in der
Vergangenheit, ihre hölzernen Köpfe mit den vor ungläubigem Staunen hervorquellenden
Augen umweht der frische Lufthauch der Gegenwart. So ist in ihnen ein
ewiges Umhertappen und Suchen, und sie sind von Sehnsucht danach erfüllt,
sich, ein Lächeln um den Mund, mit allem auseinanderzusetzen, was die
Menschheit seit jeher plagt.
Der Weg zur Berühmtheit war für die Zwei nicht leicht. Papa Spejbl gewann
Leben nach einem bildnerischen Originalentwurf Prof. Skupas - in der Zeit,
da sich dieser im Amateur-Puppentheater der Pilsner Ferienkolonien betätigte
— unter den geschickten Händen des Pilsner Holzschneiders Karel Nosek.
Die Szene betrat er zum erstenmal im Jahre 1920. Er erschien wie eine
scherzhafte Verkörperung des beschränkten Kleinbürgers, dem die Logik
absolut fremd ist und dem die Tragweite der Dinge, die sich um ihn abspielen,
völlig entgeht. Mit seiner Dümmlingsweisheit kommentierte er die Ereignisse
des Tages, wurde die Zielscheibe von Witzen, gab pikante Chansons zum
besten, und mit der ihm eigenen Borniertheit parodierte er das gleichzeitige
Kunstgeschehen.
Einige Jahre hindurch sah sich Spejbl vergeblich nach einem geeigneten
Gegenspieler um, der ihm der Abstammung wie der Denkart nach ebenbürtig
wäre. Weder im Braven Soldaten Schwejk noch im spottlustigen Kasperl vermochte
man einen idealen Partner für ihn zu erblicken. Und so blieb dem alten
Spejbl für den Anfang nichts andres übrig, als seinen beliebteren Kollegen
in den populären Kabaretten zu sekundieren. Aber Skupas Mitarbeiter ruhten
nicht eher, als bis Gustav Nosek (Neffe des Holzschneiders Karel Nosek}
als angenehme Überraschung für Prof. Skupa den sehnlichst erwarteten kleinen
Partner kreiert hatte. Zuerst wurde er Spejblik oder Spejblätko (Deminutive
von Spejbl) genannt, aber kurz nach seinem erfolgreichen „Bühnendebüt"
am 2, Mai 1926 erhielt er den Namen Hurvinek. Die ursprünglich unbestimmte
Beziehung der zwei neuen Bühnenpartner zueinander wandelte sich im Laufe
der Zeit zu einem Verhältnis des Vaters und des Sohnes um. So bekam Spejb!
ein Kind, ohne daß die Frage nach der Mutter Hurvineks jemals gelöst worden
wäre. Skupa hat seinem Hurvinek als Kontrast zu Spejbls klangvollem Baß
eine glockenhelle Fistelstimme in die Wiege gelegt, und diese grundlegende
Höhe der beiden Stimmen ist ihnen schon geblieben.
Erst die Kreierung Hurvineks gab den Anstoß zu dem überraschenden Aufstieg
der zwei modernen Szenentypen, des durchtriebenen Buben und seines verzweifelt
rückständigen Vaters, welche über Proszeniumsdialoge, populäre „Prüfungen"
und kurze Kabarettauftritte - die sich einmal auf den Text gründeten,
ein andres Mal auf der Technik des Marionettenspiels fußten -, zu in sich
geschlossenen Puppenstücken für die Jugend, zu revueartigen Szenenfolgen
für Erwachsene sowie zu Komödien führten, welche empfindlich auf die erregte
Stimmung der Vorkriegszeit reagierten.
Damals freilich waren Spejbl & Hurvinek schon längst Profis geworden.
Im Jahre 1930 wurde als professioneller Körper das Pilsner Marionettentheater
Professor J. Skupas errichtet; es unternahm Theaterreisen durch die Tschechoslowakei
und führte sein Können einigemale auch im Ausland vor, und der Ruf der
zwei langohrigen Neunmalgescheiten überschritt den heimatlichen Rahmen.
Im gleichen Jahre vermehrte sich Spejbls Gesellschaft um den vierbeinigen
Zeryk und um Hurvineks ewig staunende Kameradin Mänicka. Die ursprüngliche
Zusammensetzung des Quartetts besteht auch heute noch, aber ab 1971 erscheint
es um die eigenartige Figur von Mänickas Pflegemutter Bä-binka erweitert,
die mit ihrer papierenen Gelehrtheit und der komischen Rappligkeit das
charakteristische wie das expressive Register der beiden Haupthelden harmonisch
ergänzt.
Kurz nach dem Weltgrieg übersiedelte Skupas Ensemble nach Prag; hier nun
hat das Theater Spejbls und Hurvineks seine ständige Arbeitsstätte. Die
Tatsache, daß die Namen der Hauptprotagonisten auch in der Bezeichnung
des Theaters Aufnahme gefunden haben, war nur eine Bekräftigung
des Endstandes. Und auch die Frage, ob diese traditionellen Helden, welche
die Vergangenheit unwiederbringlich hervorgebracht hatte, auch zu den
neuen Realitäten der Nachkriegszeit etwas zu sagen haben werden, erhielt
bald eine bejahende Antwort. Die Popularität dieser Typen, deren Wurzeln
bis weit in die Ferne zurückreichen und deren Äußeres ein grotesker Anachronismus
war, erlitt durchaus keine Einbuße. Und zwar deshalb, weil unsere Helden,
ohne Ihr übliches Gewand, ihren Charakter wie ihre Einstellung im Wesentlichen
zu ändern, Denken und Sprache der neuen Lage unauffällig anzupassen verstanden.
Sie entsprangen reinem komödiantischen Empfinden und Phantasie, aus dem
Wunsche heraus, der Wirklichkeit einen grotesken Spiegel vorzuhalten,
aus dem Bestreben, die Mißbräuche und die Gebrechen der Gesellschaft um
sich herum mit Lachen zu heilen. Und weil sie dieser ihrer Sendung treublieben,
entschwand nicht die Lebenskraft und die Dringlichkeit ihrer Kunst.
Diesen Übergang ermöglichte nicht nur das angeborene künstlerische Empfinden
ihres geistigen Vaters Josef Skupa, welcher seiner Verdienste wegen 1948
mit dem Titel eines Nationalkünstlers ausgezeichnet worden war, — es war
auch die Tatsache, daß ein neuer schöpferischer Geist Eingang in das Ensemble
gefunden hatte, einer geistigen Welle gleich, welche Skupa half, über
die kritische Zeit hinwegzukommen; und nach Skupas Tode Januar 1957 vermochte
man mit ihr auf schöpferische Art an das Vermächtnis des Verewigten anzuknüpfen.
Die Erkrankung Skupas hatte zur Folge, daß die beiden Hauptfiguren schon
ab 1953, zunächst sozusagen anonym, der jetzige Leiter des S & H-Theaters,
Milos Kirschner, zu interpretieren begann. So war schon zu Lebzeiten Professor
Skupas für eine neue, lebenspendende Kraft unserer Helden aus Lindenholz
Sorge getragen. Das junge Blut in unserm Ensemble machte sich überdies
darum verdient, daß zu den überkommenen Hängepuppen neue Elemente der
Marionettentechnik hinzukamen: der Bühnenausdruck erfuhr eine wesentliche
Belebung deshalb, weil die traditionellen Prinzipien auf erfinderische
Art durch Einsetzen von unten gelenkter
Puppen, Handpuppen, des Schwarzen Theaters und weiterer Tricks geltendgemacht
wurden; an Derartiges wagte das einstige, verhältnismäßig bescheiden ausgestattete
Wander--Puppentheater kaum zu denken.
Die Reihe der altbewährten Autoren der Vorkriegszeit wurde durch neue
Namen ergänzt, manche von neuen abgelöst. Immer dringlicher zeigte sich
das Bedürfnis, die Phantasie der Autoren der schon fast zur Regel gewordenen
Konzeption der Hauptgestalten unterzuordnen und der sich gedeihlich entfaltenden
Szenentechnik anzupassen. Deswegen begannen sich die Autoren bald aus
dem Ensemble selbst sowie aus den Reihen der Theaterangestellten zu rekrutieren.
Eine dominierende Stellung nimmt hier schon jahrelang Milos Kirschner
ein, der sich in unmittelbarem Kontakt mit der Szene zu einem Autor tiefgründiger,
indes auch witziger Intermezzos sowie Proszeniumsdialoge entwickelt und
zum Mitschöpfer von Puppenrevuen und Spielen für die Jugend und für Erwachsene
emporgearbeitet hat. Vor allem kam es nach Skupas Tode in Spejbls und
Hurvineks Gestalt zu einem offenkundigen Ruck vom robusten Kabaretthumor
zu einem feineren, geistreich gefeilten Ausdruck; von Wortspielen, Schulthemen,
kitzelnden Pikanterien, aber auch von Problemen der Generation hat sich
das Gebiet, das sich S&H zum Ziel gesetzt hatten, um allgemeine gesellschaftliche
Fragen erweitert, um Probleme des Charakters, der Moral, der Liebe, der
Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft.
Kirschners Interpretation läßt sich Spejbl gewissermaßen von seiner grenzenlosen
Blödigkeit fieimachen, selbstverständlich wird er noch immer hie und da
zur Zielscheibe des Spottes, aber immer häufiger erscheint er als bedauernswertes
Opfer eines ungünstigen Zufalls oder des Zusammentreffens absurder Umstände,
die er nicht verstehen kann oder manchmal sogar nicht verstehen will.
Hurvinek hat nicht einmal mit dem Ablauf der Jahre etwas von der Wißbegierde
des aufgeweckten jungen Menschleins eingebüßt, dafür hat er schon nicht
wenig von seiner einstigen bodenlosen Frechheit nachgelassen; das kommt
nunmehr eher als provokatives Fragen zum Ausdruck, bei dessen Beantwor-
tung die Folgen nicht bloß Spejbl zu tragen hat. In der letzten Zeit fängt
Mänicka an, eine ähnliche Metamorphose durchzumachen - das einst so beispiellos
folgsame, naiv--herzige Schulmäderl; in Helena Stächovä hat sie eine neue,
hervorragende Interptetin gefunden. Auch Mänicka hat sich das ihr eigene
naive Staunen über die Dinge auf der Welt bewahrt, dessenungeachtet ist
ihre Agilität augenscheinlich gestiegen, entschlossener geworden, und
so wird sie zu einer Gegenspielerin der zwei Haupthelden, die durchaus
natürlich erscheint und den beiden Akteuren in jeder Hinsicht ebenbürtig
ist.
Vom Beginn ihrer Profi-Laufbahn an haben S & H in der Wiedergabe Professor
Skupas und Milos Kirschners einige Zehn Plattenaufnahmen vorgenommen.
Dank den umfassenden Sprachenkenntnissen Milos Kirschners und Helena Stä-choväs
haben sie ihren hölzernen Figuren durch fremdsprachige Interpretierung
die Gunst des Publikums in 25 Ländern Europas und anderer Kontinente gewonnen;
in 14 Sprachen haben Spejbl und Hurvinek zu aller Welt geredet. In der
letzten Zeit wird die S & H-Produktion in Fernsehen, Rundfunk und
Schallplatte systematisch weiter entfaltet. Vor allem ist dies in der
deutschen Sprache der Fall. Nach kürzeren Episoden kommen abschnittweise
auch größere Begebenheiten, längere Szenen sowie Bühnenstücke zu Worte.
Nach den populären Dialogen aus der Amorosiade bereitet Artia zusammen
mit Supraphon Aufnahmen vor, die nur ein weiterer Beweis dafür sind, daß
die Anwartschaft dieser originellen Akteure auf die Unsterblichkeit ganz
ernst genommen werden muß. Das eigentliche Heim unserer Marionetten ist
ihr Theater in Prag. In unmittelbarem Kontakt mit den großen und den kleinen
Enthusiasten wird ihr Humor ständig gefeilt. Auf der ganzen Welt nennen
sie sovieie Menschenkinder ihre Freunde, daß sie sich wirklich überall
wie zu Hause fühlen. Auf der ganzen Erde haben sie den Leuten etwas zu
sagen. Und das ist auch die Garantie für ihre unerschöpfliche Lebenskraft.
Pavel Grym
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